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Vater der Fitness-DIN

Deutschland hat seit 2012 als erstes Land eine DIN-Norm für Fitness-Studios. Paul Eigenmann war der Obmann des Arbeitsausschusses, der die DIN 33961 erarbeitet hat.

Name: Paul Eigenmann

Geburtsdatum: 23.08.1947

Beruf: Diplomsportlehrer, Unternehmer

Hobbys: Lesen (Evolution), Trainieren, Brauchtum

Kraft bedeutet für mich: Freiheit von der Sorge, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können

Herr Eigenmann, Sie trainieren selbst. Wann haben Sie mit Krafttraining angefangen?

Vor 50 Jahren. Mein Vater hat mir damals eine Langhantel geschenkt. Ich trainierte auch bei Werner Kieser in seinem ersten Studio in der Zürcher Grüngasse. Damals trainierten nur Männer. Die waren alle maximal 35 Jahre alt und kamen nur wegen der Instrumentarien ins Studio. Das ist heute völlig anders. Die Branche hat sich etabliert und die Spannbreite unter den Fitnesskunden hat sich diversifiziert – vor allem in den letzten zehn Jahren.

Wie würden Sie die heutige Klientel in den Fitness-Studios beschreiben?

Heute haben ca. elf Prozent der Bevölkerung ein Abonnement in einem Fitness-Studio, wobei Kieser Training ja keines im klassischen Sinne ist. Von diesen elf Prozent sind ca. drei Prozent sogenannte Enthusiasten aus allen drei Generationen. Menschen, die dieser Gruppe zugeordnet werden, trainieren aus innerem Antrieb, weil sie Freude am Krafttraining haben. Enthusiasten machen nicht so wenig wie nötig; sie wollen viel machen und leben quasi im Krafttraining. Dann gibt es die sogenannten Early Follower, die etwa sechs Prozent ausmachen. Menschen aus dieser Gruppe kommen nicht, weil es ihnen gefällt, sondern weil sie wissen, dass ihnen das Training guttut. Das sind beispielsweise die typischen Kieser Training-Kunden. Menschen, die man dieser Gruppe zurechnet, möchten effizient trainieren, also so wenig wie möglich und so viel wie nötig. Jetzt kommt eine neue Generation, das ist die sogenannte zögernde späte Mehrheit. Diese Menschen gehören zu denjenigen, die Kraft- oder Fitnesstraining eher skeptisch gegenüberstehen und die noch nicht intrinsisch motiviert sind.

Diese Menschen haben alle unterschiedliche Bedürfnisse …

Richtig. Diese Gruppen haben völlig unterschiedliche Bedürfnisse und demgemäß braucht es völlig unterschiedliche Geschäftsmodelle. Fitness-Enthusiasten haben nicht mehr diese große Betreuungs-Dienstleistung nötig. Ich vergleiche das mit einem 50-jährigen Niederländer, der das erste Mal in die Alpen fährt und Skilaufen lernen möchte. Natürlich braucht der einen Skilehrer. Als Schweizer stand ich mit zwei Jahren auf den Skiern. Mein Bedürfnis ist also ein völlig anderes: Ich will ein gutes Skigebiet. Dieses Bild lässt sich auf die Fitness-Szene übertragen: Die zögerliche Mehrheit braucht viel mehr Betreuung. Enthusiasten sind dagegen mehr an der Vielfalt der Ausstattung interessiert und weniger an der Instruktion.

2012 hat Deutschland als erstes Land eine Norm für Fitness-Studios verabschiedet, die im Jahr 2015 revidiert wurde. Sie waren Obmann dieses Arbeitsausschusses. Kann man für diese unterschiedlichen Gruppen überhaupt eine einheitliche Norm schaffen?

Das hat man damals geglaubt. Ob das heute tatsächlich noch möglich ist, weiß ich nicht. Der Ausschuss hat lange und intensiv an der ersten Fassung gearbeitet. Doch der Fitnessmarkt hat sich inzwischen stark verändert. Aus meiner Sicht wäre eine Überarbeitung der DIN sinnvoll, wenn es denn auf Grund des Status der Europäischen Normung überhaupt möglich ist.

Erklären Sie uns doch bitte noch einmal kurz, was diese Norm beinhaltet.

Es ist eine Dienstleistungsnorm. Das heißt: Ich leiste einen Dienst am Kunden und übernehme damit eine gewisse Verantwortung für das, was Sie als Kunde bei mir einkaufen. Wesentliche Aspekte sind: Ihre Trainingskompetenz sicherzustellen. Das Trainingscenter verantwortlich zu machen, dass Sie im Training angeleitet und beaufsichtig werden und richtig trainieren. Sicherzustellen, dass die Balance zwischen der Belastung und der individuell möglichen physischen Belastbarkeit stimmt. Außerdem geht es darum, die Kompetenz der Trainer sicherzustellen. Dazu kommen allgemeine Punkte wie die Transparenz der Verträge, Hygiene, Sicherheit oder ein Notfallmanagement.

Eine gute Sache für den Kunden, aber auch für die Studios. Gibt es viele Studios, die sich zertifizieren lassen?

Insgesamt gibt es noch zu wenig Studios, die die Bedeutung der Zertifizierung erkennen. Kieser Training bildet da die große Ausnahme, deren Studios durch den TÜV Rheinland zertifiziert wurden und werden. Man darf nicht vergessen: Krafttraining ist ein ideales primärpräventives Mittel. Und in den Maschinen von Kieser Training steckt ein enormes Experten-Knowhow. Wenn die Krankenkassen dereinst einmal sagen: Wir bezuschussen Krafttraining, gerade weil es individualisiert angepasst werden kann, aber nur dann, wenn es in Anspruch genommen wird, wird ein Leistungs-Tracking relevant. Sprich, der Kunde muss nachweisen können, eine Leistung auch erbracht zu haben. Irgendwann wird das kommen, weil sich die Krankenkassen den Argumenten nicht mehr verschließen können. Und dann wird die Zertifizierung zunehmen.

Sie sprechen von Krafttraining als einem primärpräventiven Mittel …

Ich bin wie Werner Kieser der Meinung: Im Zentrum steht der Muskel. Alle anderen Organe sind entwicklungsgeschichtlich gesehen Dienstleistungssysteme der Muskulatur. Das Problem ist: Homo sapiens als Spezies hat kein De-Training gemacht. Was das bedeutet? Hört ein Radprofi nach 20 Jahren auf und macht einfach nur die Beine lang, wird er krank. Und Homo Sapiens hat genauso plötzlich aufgehört, aktiv zu sein. Unsere Spezies ist gut 2 Millionen Jahre alt. In den letzten 10.000 Jahren waren wir etwas weniger aktiv. Und in den letzten 200 inaktiv. Jetzt leidet die Spezies Homo sapiens am De-Trainings-Syndrom. Ein Organismus, der darauf angelegt ist, jeden Tag 20 bis 30 Kilometer zu marschieren und plötzlich dauernd im Ruhezustand ist, wird krank. Da kommt als erstes das Herz und dann der ganze Metabolismus. Dem wird man Rechnung tragen müssen, spätestens dann, wenn die Krankenversicherungs-Systeme nicht mehr tragbar sind. Da wird die Schweiz eines der ersten Länder sein, da die Krankenversicherungen völlig vom Individuum finanziert sind. Sprich: Man muss entweder Leistungen abbauen oder man wird Selbstbehalte einführen. Und dann wird es attraktiv, wieder etwas zu tun.

Was halten Sie von der Digitalisierung in der Branche?

In Bezug auf die Digitalisierung ist man jetzt unter dem Eindruck der neoliberalen Globalisierung der Meinung, das sei die Zukunft. Aus meiner Sicht muss man stark differenzieren. Die Krankenversicherungen werden aus sozioökonomischen Gründen andere Behandlungsmethoden aufnehmen müssen und da wird ein digitales Leistungs-Tracking interessant. Um eine Leistung von der Krankenkasse zu erhalten, wird der Kunde dann nicht nur zeigen müssen, dass er ein Abo gekauft hat. Irgendwann wird er auch nachweisen müssen, was er tatsächlich im Training geleistet hat. Aus meiner Sicht wird es dort hingehen und hier ist eine Digitalisierung durchaus sinnvoll. Ansonsten halte ich nicht viel davon. Ich war letztens in Amerika. Da können Sie in einigen Fitness-Studios die Übungen jeder Maschine als erklärenden Film scannen. Da brauchen sie im Studio eine Internetstärke, dass es nur so kracht. Ich habe mal gestoppt, wie diese Leute trainieren. Die schauten hauptsächlich Filme und trainierten nur ein Drittel der Zeit von mir. Ich bin der festen Überzeugung, dass Krafttraining sehr archaisch bleiben darf. Denn das befriedigt einen Teil unserer Bedürfnisse. Es ist eines der Probleme unserer Gesellschaft: Ich bin am Abend gar nicht mehr müde und sehe nicht, was ich getan habe, weil ich den ganzen Tag vor dem Computer gehockt habe. Ich will aber doch sehen, was ich bewege. Das ist ein Grundbedürfnis und darum geht es doch. Da ist ein Krafttraining, in dem ich sehe, welche Trainingslast ich bewege, genau das Richtige.

Interview: Tania Schneider
Fotos: Verena Meier